Buch
Stol­per­stein An­nen­straße 34, Graz
Stei­er­mark, Ös­ter­reich. Fo­to: Da­nie­la Gra­be
Glo­bal Po­si­tio­n­ing Sys­tem (GPS)
47° 07' 12.74" Nord,15° 42' 62. 77" East
Der

In­ter­net­link

Fol­ge 10(13)

April 2016
Tech­ni­sche Uni­ver­sität Ber­lin. Me­di­en­wis­sen­schaft. Pra­xis­pro­jekt
IFAM: Das In­sti­tut für an­ge­wand­te Me­di­en­wis­sen­schaft - Fried­rich Knil­li (ifam-ber­lin.de)
  1. Im­pres­sum

    Her­aus­ge­ber und Re­dak­ti­on: Prof. Dr. Fried­rich Knil­li

    Re­dak­ti­on: Isa Knil­li

    Re­dak­ti­on und Ge­stal­tung: Dipl. Ing. / Web-Mas­te­rin El­ke Schü­le

    Glo­bal Po­si­tio­n­ing Sys­tem: Idee von Le­na, Ju­dith und Isa Knil­li

    Kon­takt: in­fo@­Der­In­ter­net­link.de

    Stand der Web­site: 05. Ju­li 2018

    Haf­tungs­aus­schluss

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Ein Im­biß­la­den
in Syd­ney

silbermann_buch

"End­lich, nach mehr­fa­chem Ver­stel­len der Arm­band­uhr und ge­zie­men­der Be­wun­de­rung des süd­li­chen Ster­nen­him­mels, be­ginnt un­ter laut­star­kem Ge­tu­te der Schiffs­si­re­nen die Ein­fahrt in den Ha­fen von Syd­ney, von dem an­ge­sagt ist, daß er sich durch be­son­de­re Schön­heit aus­zeich­ne, was dem Alp­hons so lang wie dünn ist. Und da Aus­tra­li­en nicht wie Ame­ri­ka über ei­ne Frei­heits­sta­tue ver­fügt, kann er auch nicht von Ju­bel­ge­schrei, Hal­le­lu­jas und Ho­si­an­nas be­rich­ten. Im üb­ri­gen fühlt er sich in kei­ner Wei­se be­freit, son­dern wid­met sich un­ter dem Schein der grö­len­den Son­ne Aus­tra­li­ens schweiß­ge­ba­det der Be­ant­wor­tung der zahl­lo­sen Fra­gen stäm­mi­ger, kurz­be­hos­ter Zoll­be­am­ter.

So, und nun steht er, von sei­nen zwei Kof­fern um­rahmt, auf der von Men­schen und Au­tos wim­meln­den Werft und fragt sich: Wo­hin? Es währt nicht all­zu­lan­ge, und er wird zu ei­ner Grup­pe her­an­ge­wun­ken, die bei ei­nem mit Schreib­stift und Pa­pier­kram aus­ge­stat­te­ten Men­schen steht. Die­ser ent­puppt sich als Re­prä­sen­tant ei­ner Aus­tra­li­an Je­wish Wel­fa­re So­cie­ty, und nach dem Ton, den er an­schlägt, muß es sich wohl um ei­ne Art of­fi­zi­el­le Auf­nah­me-, Re­gis­trie­rungs-, Hilfs- oder Un­ter­brin­gungs­in­stanz han­deln.

In der Tat wird er nach Vor­zei­gen von Paß und Ein­rei­se­pa­pie­ren auf ei­ner Lis­te ab­ge­hakt, mit­samt den an­de­ren drin­gend er­mahnt, um Him­mels wil­len in der Öf­fent­lich­keit kein Wort Deutsch, son­dern nur Eng­lisch zu spre­chen oder, wenn man es nicht kann, den Mund zu hal­ten, und auf­ge­for­dert, sich zur Re­gis­trie­rung auf dem Büro zu mel­den, und im üb­ri­gen sei in ei­ner sich Pitt Street nen­nen­den Straße un­ter der Num­mer So­wie­so auf der ers­ten Eta­ge ein Treff­punkt ein­ge­rich­tet, wo man über die Mit­tags­zeit ei­ne Tas­se Tee und ei­ne mit But­ter be­stri­che­ne Sem­mel oder so was ähn­li­ches zum Prei­se von drei Pence so­wie gu­te Rat­schlä­ge von frei­wil­li­gen Mit­ar­bei­tern der Wohl­fahrts­ge­sell­schaft ent­ge­gen­neh­men kön­ne.

Auf die ganz na­tür­li­che Fra­ge nach ei­nem bil­li­gen Ho­tel weist ihn der ge­stren­ge Flücht­lings­be­wa­cher dar­auf hin, daß Aus­tra­li­en kein großzügig mit Ho­tels be­s­tück­tes Tou­ris­mus­land sei, es für Un­be­mit­tel­te genü­gend möblier­te Zim­mer ge­be und der Herr, der da drü­ben ste­he, ihm bei der Su­che nach ei­nem sol­chen ger­ne be­hilf­lich sein wer­de, wo­bei sich dann her­aus­stellt, daß »der Herr da drü­ben« der Ver­mie­ter ei­nes Zim­mers ist, zu dem er ge­führt wird. Das nach sei­nen Vor­stel­lun­gen durch­aus preis­wer­te Zim­mer er­weist sich als ei­ne zur Straße ge­le­ge­ne über­deck­te Ve­ran­da, zu der man mühe­los nach Durch­schrei­ten des stets mit ir­gend­wel­chen Men­schen an­ge­füll­ten, sich »sit­ting room« nen­nen­den und mit Plüschso­fa und -ses­seln aus­staf­fier­ten Wohn­zim­mers ge­langt, das er je nach den Um­s­tän­den be­klei­det oder nur leicht be­schürzt zu durch­schrei­ten hat, falls ihn drin­gen­de Be­dürf­nis­se ins Bad oder auf die Toi­let­te ru­fen. Was soll es, sagt er sich, so sind nun mal die aus­tra­li­schen Sit­ten: Zäh­ne put­zen kann man übe­r­all, Haupt­sa­che, man putzt sie.

Da das aus­tra­li­sche Völk­chen an­ge­sichts der kli­ma­ti­schen Be­din­gun­gen ger­ne ein Le­ben im Frei­en führt, ha­ben Außen­ve­ran­den selbst­ver­s­tänd­lich kei­ne Vor­hän­ge, so daß ihm schon in der Herr­gotts­frühe sei­nes ers­ten aus­tra­li­schen Som­mer­ta­ges die Son­ne gü­tigst in die Au­gen blin­zelt. Zu­sam­men mit ei­ner Ban­de krei­schen­der Kin­der und ei­ner un­frisch drein­bli­cken­den Mut­ter ver­zehrt er sein dem eng­li­schen Bre­ak­fast ähn­li­ches Frühs­tück - die­ses bar­ba­ri­sche Ge­misch aus ge­schmor­ten Würs­ten, auf­ge­weich­tem Stock­fisch, in Speck­fett schwim­men­den Ei­ern, hoch­ge­süß­ter Oran­gen­mar­me­la­de und in Milch er­tränk­tem Tee - und be­gibt sich gu­ten Mu­tes zur An­lauf­stel­le der je­wish Wel­fa­re So­cie­ty in die Ci­ty. Auf dem ihm an­ge­wie­se­nen Weg sieht er viel Grün, uni­form aus­se­hen­de Häu­schen mit Vor­gar­ten und dann in der Ci­ty, dem Kern der Stadt, ho­he und nied­ri­ge Ge­bäu­de, was in ihm al­le­mal Er­in­ne­run­gen an sei­nen Auf­ent­halt als Schü­ler in Lon­don weckt. Sie zie­hen an ihm höchst un­we­sent­lich vor­über, eben­so be­lang­los wie ei­ne an die­ser Stel­le zu er­war­ten­de gründ­li­che Schil­de­rung des Or­tes, an dem er ei­nen Groß­teil sei­nes Le­bens zu ver­brin­gen ha­ben wird. Er ver­sagt sie sich, da er weiß, daß das heu­ti­ge Syd­ney in kei­ner Wei­se dem da­mals noch von in­ter­na­tio­na­ler Städ­te­pla­nung und Ar­chi­tek­tur kaum be­leck­ten Aus­se­hen ent­spricht, und er nicht ge­willt ist, als Ent­wick­lungs­län­der-His­to­ri­ker oder Ver­fas­ser ei­nes dem Frem­den­ver­kehr dien­li­chen Be­sin­nungs­auf­sat­zes in Er­schei­nung zu tre­ten. Er wird noch oft ge­nug Ge­le­gen­heit ha­ben, ihn be­tref­fen­de Si­tua­ti­ons­be­schreib­ma­gen im Zu­sam­men­hang mit Zeug­nis­sen über die Dis­har­mo­nie zwi­schen ab­brö­ckeln­den äußer­li­chen Er­schei­nungs­for­men und un­ge­stü­mer in­ner­li­cher Ver­fas­sung dar­zu­tun.

Es war nicht ge­ra­de epo­che­ma­chend, was ihm und den an­de­ren Hil­fe­stel­lung er­war­ten­den Emi­gran­ten von dem ei­nen oder an­de­ren Wohl­fahrts­herrn in be­schwing­ten An­spra­chen in dem Tee- und Bröt­chen­raum vor­ge­setzt wur­de. Un­ent­wegt stimm­ten sie Lob­ge­sän­ge über die Herr­lich­keit und Frei­zügig­keit des Lan­des so­wie über an­ge­brach­te Dan­kes­be­zeu­gun­gen an, er­wie­sen sich aber nur sel­ten als Rat­ge­ber oder Ver­mitt­ler für Ar­beits­stel­len. Das war schon recht so, denn schließ­lich wa­ren die dort ih­re Mit­tags­stun­de op­fern­den Her­ren frei­wil­li­ge Hel­fer oh­ne Ei­gen­in­ter­es­se, nur von ei­ner auf sich selbst bli­cken­den Wohl­tä­tig­keits­mo­ral ge­lei­tet, nach der es sich als Ju­de gehört, ver­trie­be­nen Ju­den ir­gend­wie bei­zu­ste­hen. Die mit jo­via­lem Schul­ter­klop­fen ver­bun­de­nen Wor­te: »You will be all­right« klin­gen ihm heu­te noch wie ein Mot­to für die To­ta­lität aus­tra­li­scher Le­bens­auf­fas­sung in den Oh­ren: je­der für sich selbst; nie­man­dem ver­pflich­tet; sieh, wie du wei­ter­kommst; wird schon wer­den; im Lan­de der Pio­nie­re ver­reckt man nicht - das war, ins Rea­le über­setzt, der Kern die­ser im Brust­ton der Über­zeu­gung auf­ge­stell­ten Leit­plan­ke. Sie soll­te sich ihm ein­prä­gen, denn er woll­te ja »all­right« sein. Auf dem We­ge dort­hin wa­ren im Au­gen­blick zwei Auf­ga­ben zu lö­sen: ein Job für ihn, ei­ne Ein­rei­se­er­laub­nis für die El­tern."

Aphons Sil­ber­mann schließt sei­ne in der Er­form ge­schrie­be­ne Au­to­bio­gra­phie mit ei­nem von Fried­rich Knil­li an­ge­reg­ten Ge­ständ­nis, das ihm vie­le Kol­le­gen die so ge­nann­te Freund­schaft kün­dig­ten.

"Was er sich im Le­ben auch zu­sam­men­ge­lo­gen hat - un­nö­tig zu be­to­nen, wie an­ders hät­te sich der Ju­de Sil­ber­mann im Über­le­ben auch be­wäh­ren kön­nen -, jetzt be­darf er der Lü­ge nicht mehr: Durch sein Er spricht die Wahr­heit sei­nes Ichs:
Ho­ni soit qui mal y pen­se.
Fi­nis in mei­nem jü­di­schen Jahr 5750."

Für Friedrich Knilli

Für Fried­rich Knil­li

Quel­le: Alp­hons Sil­ber­mann
Ver­wand­lun­gen
Ei­ne Au­to­bio­gra­phie. 1989

Der berühm­tes­te
Aus­lands­stei­rer

Schwarzenegger

Quel­le: Eva Ri­nal­di
http://www.flickr.com/pho­tos/eva­ri­nal­di­pho­to­gra­phy/9031269705/
CC BY-SA 2.0
https://com­mons.wi­ki­me­dia.org/w/in­dex.php?cu­rid=26631495

Im Re­fe­rat Kom­mu­ni­ka­ti­on der Lan­des­ver­wal­tung sitzt ein "Heer" von Stei­rern, aber kaum je­mand, der sich um die Öf­fent­lich­keits­ar­beit im Aus­land küm­mern könn­te. Das gilt auch für die Ab­tei­lung 9: Kul­tur, Eu­ro­pa, Außen­be­zie­hun­gen, was bei der großen Jubli­läums­ver­an­stal­tung am 11. Mai 2005 pein­lich zum Vor­schein kam. Denn da ging es um "60 Jah­re Frie­dens­schluss, 50 Jah­re Staats­ver­trag und zehn Jah­re EU- Mit­glied­schaft". An­we­send war so­gar der Bun­des­prä­si­dent, aber die großen Aus­lands­stei­rer der Nach­kriegs­pe­ri­oden fehl­ten, was dem Fest­red­ner, ei­nem un­ga­ri­schen Ju­den so­fort auf­fiel. Sein ers­ter Satz war ei­ne Wat­schen für Frau Lan­des­haupt­mann Klas­nic (*1945) und ein Dan­ke­schön für ei­nen ab­we­sen­den Ost­stei­rer: "Ich bin dem berühm­tes­ten Aus­lands­stei­rer, Ar­nold Schwar­ze­negger, sehr dank­bar. Er hat be­wie­sen, dass man mit ei­nem di­cken stei­risch-ös­ter­rei­chi­schen Ak­zent Gou­ver­neur des sech­streichs­ten Staa­tes der Welt sein kann."

Die­se Bla­ma­ge ka­schier­te Frau Lan­des­haupt­mann sehr schnell mit der Grün­dung ei­ner neu­en Behör­de: Büro für Aus­lands­stei­rer. Es wur­de im Ju­li 2005 ein­ge­rich­tet. Die Lei­tung be­kam ei­ne Frau mit ei­ner Na­tur­be­ga­bung und be­son­de­ren Bil­dung: Re­na­te Chris­ti­ne Met­lar. Dr. Phil. (1971), spricht Eng­lisch und Fran­zö­sisch und bau­te die Behör­de sys­te­ma­tisch zu ei­nem Met­lar Bu­reau of In­ves­ti­ga­ti­on aus mit ei­nem welt­wei­tem Netz­werk von Aus­land­stei­rern in al­len Be­ru­fen. Wann im­mer ein Stei­rer ei­nen Ge­schäfts­part­ner im Aus­land such­te, be­kam er Da­ten vom Büro Met­lar. Und auch der Aus­land­stei­rer in der Stei­er­mark. Al­les dis­kret und ver­deckt. Die In­for­ma­ti­ons­ge­win­nung er­for­der­te oft Me­tho­den der Ge­heim­di­plo­ma­tie. Die Nähe zu Lan­des­ver­rat und Spio­na­ge ver­lang­te Präzi­si­on. Wich­tig sei, "dass die Men­schen wei­ter­hin mit ih­rem Hei­mat­land ver­bun­den sind und in Kon­takt blei­ben und dass auch wir auf de­ren Res­sour­cen zu­rück­grei­fen kön­nen. Wir sind für sie da, wenn sie ein An­lie­gen ha­ben oder Hil­fe benö­ti­gen, gleich­zei­tig ma­chen sie Wer­bung und Image­pfle­ge für un­ser Land. Stei­rer im Aus­land sind un­se­re Son­der­bot­schaf­ter!"

Wa­ren da auch die Spiel­mans bei dem un­ter­halt­sa­men Hei­mat­abend am 15. Au­gust 2015 in Syd­ney? (Klick auf die un­ten ste­hen­de Gra­fik).

Die neue Woche

Viel­leicht
nach Paläs­ti­na

Arthur Schnitzler

Der Weg ins Freie
Zwei­tes Ka­pi­tel

Die Schlaf­zim­mer­tür tat sich auf, Herr Eh­ren­berg er­schien und be­grüß­te Nürn­ber­ger.

»Hast du schon fer­tig ge­packt?« frag­te El­se.

»Fix und fer­tig«, ant­wor­te­te Eh­ren­berg, der ei­nen viel zu wei­ten grau­en An­zug an­hat­te und ei­ne große Zi­gar­re mit den Zäh­nen fest­hielt. Er­klä­rend wand­te er sich an Nürn­ber­ger. »Wie Sie mich da se­hen, fahr ich heu­te nach Kor­fu... vor­läu­fig.
(...)
»Ge­den­ken Sie den gan­zen Win­ter fort­zu­blei­ben?« frag­te Nürn­ber­ger.

»Es wär' mög­lich. Ich hab näm­lich die Ab­sicht wei­ter zu fah­ren, nach Ägyp­ten, nach Sy­ri­en, wahr­schein­lich auch nach Paläs­ti­na. Ja, viel­leicht ist es nur, weil man äl­ter wird, viel­leicht weil man so­viel vom Zio­nis­mus liest und der­glei­chen, aber ich kann mir nicht hel­fen, ich möcht Je­ru­sa­lem ge­se­hen ha­ben, eh ich ster­be.«

Frau Eh­ren­berg zuck­te die Ach­seln.

»Das sind Sa­chen«, sag­te Eh­ren­berg, »die mei­ne Frau nicht ver­steht, - und mei­ne Kin­der noch we­ni­ger. Was hast du da­von, El­se, du auch nicht. Aber wenn man so liest, was in der Welt vor­geht, man möcht sel­ber manch­mal glau­ben, es gibt für uns kei­nen an­dern Aus­weg.«

»Für uns?« wie­der­hol­te Nürn­ber­ger. »Ich ha­be bis­her nicht die Be­ob­ach­tung ge­macht, daß Ih­nen der An­ti­se­mi­tis­mus auf­fal­lend ge­scha­det hät­te.«

»Sie mei­nen, weil ich ein rei­cher Mann ge­wor­den bin? Wenn ich Ih­nen sa­gen möcht, ich mach mir nichts aus dem Geld, wür­den Sie mir na­tür­lich nicht glau­ben, und Sie hät­ten Recht. Aber wie Sie mich da se­hen, ich schwör Ih­nen, die Hälf­te von mei­nem Ver­mö­gen gäb ich her, wenn ich die ärgs­ten von un­sern Fein­den am Gal­gen säh.«

»Ich fürch­te nur«, be­merk­te Nürn­ber­ger, »Sie wür­den die Un­rich­ti­gen hän­gen las­sen.«

»Die Ge­fahr ist nicht groß«, er­wi­der­te Eh­ren­berg, »grei­fen Sie da­ne­ben, er­wi­schen Sie auch ei­nen.«

»Ich be­mer­ke nicht zum ers­ten­mal, lie­ber Herr Eh­ren­berg, daß Sie die­ser Fra­ge nicht mit der wün­schens­wer­ten Ob­jek­ti­vität ge­genüber­ste­hen.«

Eh­ren­berg zer­biß plötz­lich sei­ne Zi­gar­re und leg­te sie mit wut­zit­tern­den Fin­gern auf die Aschen­scha­le. »Wenn mir ei­ner da­mit kommt... und gar... ent­schul­di­gen Sie... oder sind Sie viel­leicht ge­tauft...? Man kann ja heut­zu­tag nicht wis­sen.«

»Ich bin nicht ge­tauft«, er­wi­der­te Nürn­ber­ger ru­hig. »Aber al­ler­dings bin ich auch nicht Ju­de. Ich bin längst kon­fes­si­ons­los ge­wor­den; aus dem ein­fa­chen Grun­de, weil ich mich nie als Ju­de ge­fühlt ha­be.«

»Wenn man Ih­nen ein­mal den Zy­lin­der ein­schla­ge auf der Rings­traße, weil Sie, mit Ver­laub, ei­ne et­was jü­di­sche Na­se ha­ben, wer­den Sie sich schon als Ju­de ge­trof­fen füh­len, ver­las­sen Sie sich dar­auf.«
(...)
»Es wird Sie si­cher freu­en zu er­fah­ren«, wand­te sich Eh­ren­berg an Nürn­ber­ger, »daß auch mein Sohn Os­kar ein An­ti­se­mit ist.«

Frau Eh­ren­berg seufz­te lei­se. »Es ist ei­ne fi­xe Idee von ihm«, sag­te sie zu Nürn­ber­ger. »Übe­r­all sieht er An­ti­se­mi­ten, selbst in der ei­ge­nen Fa­mi­lie.«

»Das ist die neu­es­te Na­tio­nal­krank­heit der Ju­den«, sag­te Nürn­ber­ger. »Mir selbst ist es bis­her erst ge­lun­gen, ei­nen ein­zi­gen ech­ten An­ti­se­mi­ten ken­nen zu ler­nen. Ich kann Ih­nen lei­der nicht ver­heh­len, lie­ber Herr Eh­ren­berg, daß der ein be­kann­ter Zio­nis­ten­füh­rer war.«

Eh­ren­berg hat­te nur ei­ne viel­sa­gen­de Hand­be­we­gung.